Was ins Weltbild hineinpasst

Die Digitalisierung verändert unseren Blick auf die Wirtschaft

Eigentlich sind die Sozialen Medien noch Kinder. Facebook ist zwölf Jahre alt, Twitter zehn. Noch jünger sind WhatsApp mit sieben Jahren und Snapchat, das gerade fünf geworden ist. In dem Alter schreibt man kurze Sätze ohne große Botschaften, und so tippte Jack Dorsey, der Erfinder von Twitter, am 21. März 2006 „Just setting up my twittr“. Dies war der erste Tweet. Was Jan Koum und Brian Acton, die Gründer von WhatsApp, der Welt mitteilten, ist nicht bekannt. Sicher ist nur, dass die Sozialen Medien in ihren jungen Jahren sehr viel beeinflusst haben: Unsere Kommunikation, unsere Information, unsere Art zu schreiben, unser öffentliches Bild. Die Sozialen Medien sind sogar dabei, unseren Blick auf die Wirtschaft zu verändern.

Bisher wird die Entwicklung der Wirtschaft überwiegend durch Zeitungen, Fernsehen und Radio abgebildet. Doch diese Medien verlieren mit jeder neuen digitalen Idee an Einfluss. Wer jung ist, probiert sie aus. Jugendliche schlagen die Zeitung nicht mehr auf. Sie nehmen etablierte Fernseh- und Radioformate als langatmig und belehrend wahr, weil sie das Gefühl haben, sich nicht mehr informieren zu müssen. Nicht über Wirtschaft, nicht über Politik, denn die Informationen sind bereits da, sie sind im Netz und warten nur darauf abgerufen zu werden. Studien zufolge gehen die meisten davon aus, dass jede relevante Information sie von alleine erreicht.

Und von denen, die den klassischen Medien weiter treu sind, nehmen einige den Journalismus als gelenkt wahr, manche sogar als verlogen. Sie misstrauen seinen Aussagen, weil sie glauben, dass Informationen ausgeblendet werden. Nach Schätzungen des Kölner Psychologen Stephan Grünewald fühlen sich nur noch 50 bis 60 Prozent der Bevölkerung in den Leitmedien zu Hause. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung hat sich in die sozialen Echoräume des Internets zurückgezogen, wo sich private Ansichten suchen und bestätigen lassen. Über Facebook und Twitter lässt sich gut vorsortieren, was ins Weltbild hineinpasst. So dringt aus dem täglichen Nachrichtenstrom nur das durch, was die eigenen Ansichten und Interessen bestätigt.

Die Nutzer leben in einer Filter Bubble und nutzen das Internet als Selbstbespiegelungsmaschine. De­bat­ten finden hier unter Menschen statt, die einer Meinung sind. Diskussionen kommen kaum vor, zu­mal die Netzgemeinde wenig Widerspruch duldet. Wie resolut User reagieren, hat die Zeitschrift „Jour­nalist“ ermittelt: 27 deutsche Zeitungsredaktionen haben im vergangenen Jahr ihre Online-Kommentar­funktion eingeschränkt oder ganz eingestellt, weil Leser hemmungslos schimpften und beleidigten.

Jeder kann heute senden, teilen und bewerten. Jeder ist sein eigener Programmdirektor. Das hat zur Folge, dass Journalisten an Einfluss verlieren. Ist das ein Verlust? Auch andere Branchen hat die Digitalisierung getroffen. Die Unternehmen haben sich angepasst oder sind vom Markt verschwunden und die Wirtschaft ist dynamisch. Sie ver­kraf­tet Veränderungen. Doch beim Journalismus liegen die Dinge anders: Journalisten recher­chieren Informationen, überprüfen sie und ordnen sie in Zusammenhänge ein. Diese Arbeit ist für die Gesellschaft von besonderer Bedeutung. Sie ermöglicht die Bildung einer öffentlichen Meinung. Und die ist gefragt. Die Themen sind komplex. TTIP, Zuwanderung, Elektromobilität, die Zinspolitik der EZB: Likes und Zustimmung, die Algorithmen hervorrufen, helfen nicht weiter. Sie befördern nur den Trend zu einfachen Wahrheiten.

Noch sind die Sozialen Medien jung. Aber sie verändern sich weiter, weil die Digitalisierung rasant voranschreitet. Sie profitiert von Rechnerkapazitäten, die sich alle zwei Jahre verdoppeln. Man kann es auch anders sehen: Nie wieder werden sich die Medien so langsam verändern wie zurzeit. Die Gesellschaft muss sich mit dieser Entwicklung beschäftigen, denn sie lebt von einer funktionierenden Wirtschaft.

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